Protestantismus


Protestantismus
Pro|tes|tan|tịs|mus 〈m.; -; unz.〉 Gesamtheit der aus der Reformation hervorgegangenen christl. Kirchen

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Pro|tes|tan|tịs|mus, der; -:
a) aus der kirchlichen Reformation des 16. Jh.s hervorgegangene Glaubensbewegung, die die verschiedenen evangelischen Kirchengemeinschaften umfasst;
b) Geist u. Lehre des protestantischen Glaubens; das Protestantischsein.

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Protestantịsmus
 
der, -, Bezeichnung für die Gesamtheit der aus der Reformation hervorgegangenen organisierten christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie für das ihnen entsprechende und zugrunde liegende theologische Selbstverständnis.
 
 
Der ursprünglich politische Begriff leitet sich ab von der feierlichen Protestation von Speyer (19. 4. 1529. Als Bezeichnung für eine spezifische Form des konfessionellen Christentums, das sich in eigenständig organisierten Kirchen herausgebildet hat, ist der Protestantismus jedoch erst im Zusammenhang mit der Ausbildung einer eigenen theologischen Konzeption zu verstehen, die sich im Anschluss an die Reformation, geprägt v. a. von M. Luther, U. Zwingli und J. Calvin, entwickelte und vor dem historischen Hintergrund der Reformationsbewegungen seit dem frühen 15. Jahrhundert steht.
 
Auf den durch Luthers Veröffentlichung der »95 Thesen« eingeleiteten reformatorischen Umbruch folgten die krisenbeladenen Jahre der theologischen und kirchlichen Identitätsfindung (Auseinandersetzung mit dem Humanismus, Abgrenzung gegenüber Schwärmertum und Täuferbewegung, Streit um das Abendmahl). Erst 1555 fand der Protestantismus mit dem Augsburger Religionsfrieden seine politische Anerkennung. Damit war der Protestantismus als eigenständige Konfession samt einer daraus folgenden Kirchenbildung konstituiert. Den Landesfürsten wurde mit dem Religionsfrieden das Ius reformandi nach der Formel cuius regio, eius religio zugestanden, nach dem jeder Fürst für sein Gebiet die Konfession frei bestimmen konnte. Die daraus resultierenden Territorialkirchen waren der Beginn des Landeskirchentums.
 
Neben das Luthertum traten auch in den übrigen europäischen Ländern zum Teil eigenständige Reformbewegungen, die von der Schweiz ausgehend zunächst durch Zwingli und darauf folgend v. a. durch Calvin (Kalvinismus) zu selbstständigen Formen evangelischen Kirchentums, den reformierten Kirchen, führten. Der Westfälische Friede (1648) stellte im Heiligen Römischen Reich die reformierten Kirchen der lutherischen Kirche gleich.
 
In den skandinavischen Ländern und Preußen konnte sich das Luthertum, in Schottland der Kalvinismus durchsetzen; in Frankreich blieben die Kalvinisten nach blutigen Religionskriegen eine Minderheit. In den übrigen europäischen Staaten, besonders in Polen-Litauen, Ungarn und Siebenbürgen, gab es zum Teil größere protestantischen Gemeindebildungen, die jedoch die Vorherrschaft der katholischen Kirche nicht gefährdeten. In den Niederlanden konnte sich der Kalvinismus gegen den Druck der spanisch-habsburgischen Regierung zunächst nicht behaupten, setzte sich dann aber im Zuge des Freiheitskampfes in den Nordprovinzen durch. Eine eigenständige Entwicklung ergab sich in England, wo mit der anglikanischen Staatskirche (Kirche von England) der dritte große konfessionelle Typ neben das Luthertum und den Kalvinismus trat. Auch in Nordamerika, wo die volle Religionsfreiheit 1787 nachträglich in die Verfassung der USA aufgenommen wurde, machte der Protestantismus nach dem Unabhängigkeitskrieg eine eigenständige, konfessionell stabilere Typen ausbildende Entwicklung durch. Bis ins 19. Jahrhundert entwickelten sich neben den drei großen Zweigen des Protestantismus zahlreiche, zum Teil noch heute bestehende protestantische Splittergruppen und Freikirchen mit unterschiedlichsten Bekenntnissen, z. B. Antitrinitarier, Sozinianer, Unitarier, die Brüdergemeinde, Baptisten, Mennoniten, Täufer, Methodisten, Quäker, Darbysten, Presbyterianer, Kongregationalisten und Episkopalisten.
 
 
Charakteristisch für den Protestantismus sind die Lehre von der Rechtfertigung, die Vorstellung vom Priestertum der Gläubigen, die Berufung allein auf die Schrift, aus der sich sowohl die wissenschaftliche Bibelkritik (historisch-kritische Exegese) als auch ein biblizistischer Fundamentalismus entwickelt haben, und die Betonung der Gewissensfreiheit des Einzelnen, die von vornherein zu einer gewissen konfessionellen und kirchlichen Pluralität geführt hat. Die Eigenart des Protestantismus spiegelt sich in verschiedenen theologischen Grundsätzen wie »sola scriptura« (allein die Heilige Schrift ist Offenbarungsquelle), »solus Christus« (Christus allein ist Heilsgrund), »sola gratia« (allein aus Gnade ist der Mensch von Gott gerechtfertigt), »sola fide« (allein im Glauben wird der Mensch gerecht) und »ecclesia semper reformanda« (die Kirche muss ständig reformiert werden).
 
Nachdem im 17. Jahrhundert die Theologie wesentlich vom Bemühen um die »wahre Lehre« (Orthodoxie) geprägt war, entwickelte sich im 18. Jahrhundert unter dem Eindruck eines sich naturwissenschaftlich und philosophisch allmählich verändernden Weltbildes, das durch die Abkehr vom kirchlichen, supranaturalistischen Wirklichkeitsverständnis gekennzeichnet war, die historisch-wissenschaftliche Theologie (Exegese, Leben-Jesu-Forschung). Als religiöse Gegenbewegung zur intellektualistischen Aufklärung entstand der Pietismus. Dennoch setzte sich die breite Säkularisierung aller Lebensbereiche auch theologisch in Gestalt einer natürlichen Theologie durch, die das orthodoxe Dogmengebäude erschütterte.
 
Wegweisend für den Protestantismus der Neuzeit wurde der Ansatz F. D. E. Schleiermachers, der mit seinem Verständnis von Religion und Erfahrung die neuere protestantische Theologie neben K. Barth am stärksten geprägt hat. Unter dem Wiedererstarken pietistischen Frömmigkeitspraxis, einer wissenschaftlich gestalteten Theologie, neuen philosophischen Konzeptionen und dem Einfluss der Romantik vollzog sich eine Rückwendung auf die Religion, die auch zur Erneuerung und Reorganisation des Protestantismus führte. Mit D. F. Strauss und F. C. Baur entwickelte sich eine neue, vom Historismus und Positivismus beeinflusste historisch-kritische Richtung, die liberale Theologie. A. Ritschl, der bedeutendste Vertreter des Kulturprotestantismus, und A. von Harnack, die die historische, sowie E. Troeltsch, der die religionsgeschichtliche Denkweise für die Theologie etablierte, wurden zu den prägenden Gestalten des Neuprotestantismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert wurden die dialektische Theologie, die »existenziale Interpretation« R. Bultmanns sowie die Konzeption der »systematischen Theologie« P. Tillichs theologisch bestimmend. Nachdem in Deutschland mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kirchenpolitischen Fragen in den Vordergrund getreten waren (Kirchenkampf), wurden in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Fragestellungen des Neuprotestantismus wieder aufgegriffen und unter Einbeziehung neuerer Forschungsbereiche (Wissenschaftstheorie, Linguistik, empirische Humanwissenschaften wie Psychologie, Pädagogik und Soziologie) fortgeführt. Der Schwerpunkt verlagerte sich dabei zunehmend auf den praktisch-theologischen Bereich. In den 1960er-Jahren entstanden in Nordamerika die Gott-ist-tot-Theologie und die Prozesstheologie. In der Gegenwart vollziehen sich die für den Protestantismus insgesamt bedeutendsten Entwicklungen im Bemühen um die Neugestaltung von Kirche und Gottesdienst, was sich weltweit auch in der ökumenischen Bewegung ausdrückt.
 
 
E. Troeltsch: Die Bedeutung des P. für die Entstehung der modernen Welt (1911, Nachdr. 1963);
 
Corpus confessionum. Die Bekenntnisse der Christenheit, hg. v. C. Fabricius, auf zahlr. Tle. ber. (1928 ff.);
 P. Tillich: P. (a. d. Engl., 1950);
 E. Hirsch: Gesch. der neueren ev. Theologie, 5 Bde. (31964, Nachdr. 1984);
 
Quellen zur Gesch. des dt. P. 1871 bis 1945, hg. v. K. Kupisch (Neuausg. 1965);
 
Quellen zur Gesch. des dt. P. von 1945 bis zur Gegenwart, hg. v. K. Kupisch: 2 Tle. (1971);
 
Theologen des P. im 19. u. 20. Jh., hg. v. M. Greschat, 2 Bde. (1978);
 M. Weber: Ges. Aufs. zur Religionssoziologie, 3 Bde. (6-71978-83);
 K. Barth: Die prot. Theologie im 19. Jh. (Zürich 41981);
 F. Mildenberger: Gesch. der dt. ev. Theologie im 19. u. 20. Jh. (1981);
 
Bekenntnisschr. u. Kirchenordnungen der nach Gottes Wort ref. Kirche, hg. v. W. Niesel (Neuausg. Zürich 1985);
 J. Wallmann: Kirchengesch. Dtl.s seit der Reformation (21985);
 H. Zahrnt: Die Sache mit Gott. Die prot. Theologie im 20. Jh. (81988);
 
Die Bekenntnisschr. der ev.-luther. Kirche (111992);
 
Europa u. der P., hg. v. B. Brenner (1993);
 
Prot. Kirchen in Europa, hg. v. A. Rössler (1993);
 
Encyclopédie du Prostestantisme, hg. v. P. Gisel u. a. (Paris 1995);
 F. Wagner: Zur gegenwärtigen Lage des P. (1995);
 J. Rohls: Prot. Theologie der Neuzeit, 2 Bde. (1997).
 

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Pro|tes|tan|tịs|mus, der; -: a) aus der kirchlichen Reformation des 16. Jh.s hervorgegangene Glaubensbewegung, die die verschiedenen evangelischen Kirchengemeinschaften umfasst: der Siegeszug des P.; b) Geist u. Lehre des protestantischen Glaubens, das Protestantischsein: Ein Lutherbild betont den P. (Berger, Augenblick 55); wieder andere verübelten ihm sein altmodisches Preußentum und seinen engagierten P. (Dönhoff, Ostpreußen 55).

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Protestantismus — Pro·tes·tan·tịs·mus der; ; nur Sg; die Lehre der christlichen Kirchen, die sich im 16. Jahrhundert (nach der Reformation) von der katholischen Kirche getrennt haben …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Protestantismus — Pro|tes|tan|tịs|mus 〈m.; Gen.: ; Pl.: unz.; Theol.〉 Gesamtheit der aus der Reformation hervorgegangenen christl. Kirchen …   Lexikalische Deutsches Wörterbuch

  • Protestantismus — Pro|tes|tan|tis|mus der; <zu ↑Protestant u. ↑...ismus, nach der feierlichen Protestation der ev. Reichsstände auf dem Reichstag zu Speyer 1529> aus der kirchlichen Reformation des 16. Jh.s hervorgegangene Glaubensbewegung, die die… …   Das große Fremdwörterbuch


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